zurück zur Startseite
home :. analysen :. kritik_ba_statistik.php

Bildungsträger
Förderlandschaft
Projektatlas
Arbeitskreise
Jugendkonferenzen
Newsletter
Download
Login
Home
zurück


Auszug aus einer Studie des BIBB 2005 von Joachim Gerd Ulrich


Titel: "Probleme bei der Bestimmung von Ausbildungsplatznachfrage und Ausbildungsplatzangebot"
Ein statistischen Dilemma.

Die Studie plädiert für eine Redefinition der Ausbildungsplatznachfrage:

Fazit
Wir wollen an dieser Stelle ein Fazit ziehen und folgende Thesen formulieren:

• In Umkehrung der normalerweise üblichen Begriffsverwendung auf dem Güter und Arbeitsmarkt wird die „Nachfrage“ auf dem Ausbildungsmarkt denjenigen Marktteilnehmern zugeordnet, die nach Vertragsabschluss Empfänger der Vergütung sind.

• Die „Ausbildungsnachfrage“ wird prognostisch, wenn es darum geht, das Lehrstelleninteresse zukünftiger Schulabgängerjahrgänge vorherzusagen, weitgehend über den „Social Demand Approach“ berechnet.

• Tatsächlich abgerechnet wird aber am Ende eines jeden Vermittlungsjahres in Anlehnung an den „Manpower Requirement Approach“.

• In der Praxis führt dies dazu, dass die „Ausbildungsnachfrage“, die begrifflich den Jugendlichen zugeordnet wird, letztlich doch über die „Nachfrage“ der Betriebe bestimmt wird und somit auch im Wesentlichen „Nachfrage“ der Betriebe misst.

• Dieses Dilemma wird so lange weiterbestehen, wie die Wirtschaft aufgefordert wird, ihr Angebot am „Social Demand Approach“-Ansatz auszurichten („Jeder, der kann und will, bekommt eine Lehrstelle“).

Die Wirtschaft kann diesem Druck eigentlich nur entgehen, wenn die Validität nicht realisierter Nachfrage in Frage gestellt ist („keine echte Nachfrage“, „fehlende Eignung“).

• Ist dies der Fall, wird die Ausbildungsplatznachfrage im Wesentlichen über den „Manpower Requirement Approach“ gemessen und stimmt mit der von den Betrieben leistbaren „Auszubildendennachfrage“ weitgehend überein.


Wie fraglich ein solches Vorgehen letztlich ist, wird deutlich, wenn man die entsprechende Analogie auf dem Wohnungsmarkt konstruiert:

• Erfolglose „Nachfrager“, d. h. in diesem Falle: Wohnungssuchende, wären demnach nur die beim Wohnungsamt gemeldeten Obdachlosen.

• Leute ohne Wohnung, die notdürftig bei Freunden, Bekannten untergebracht sind und von dort aus suchen, werden nicht zu den Wohnungssuchenden gezählt.

• „Keine Wohnungssuchende“ sind auch die, die über die notwendigen finanziellen Mittel verfügen und sich ersatzweise im Hotel ein Zimmer genommen haben.

• Um das Interesse der Wohnungssuchenden zu untersuchen und ihre Fähigkeit,
mit Wohnraum angemessen umzugehen, wird aber immer nur die Gruppe der Obdachlosen herangezogen.

• Dabei stellt man fest, dass sich diese „Wohnungssuchenden“ zum Teil gar nicht so recht um eine Wohnung bemüht haben und zum Teil auch nicht die „Eignung“ besitzen, mit Wohnraum angemessen umzugehen.

• Dies wirft natürlich kein gutes Licht auf die Gruppe der Wohnungssuchenden, und wirft zugleich die Frage auf, ob die „Wohnungssuchenden“ überhaupt als ernsthafte Nachfrager nach Wohnungen gezählt werden dürfen.

• Von dieser Schlussfolgerung sind dann wiederum auch all diejenigen Wohnungssuchenden betroffen, die zwar offiziell nicht als solche ausgewiesen werden, sich gleichwohl intensiv um eine Wohnung gekümmert haben und auch alle Voraussetzungen mitbringen, mit einer Wohnung pfleglich umzugehen. In den Medien herrscht dementsprechend das Bild vor, dass die meisten Wohnungssuchenden eigentlich gar nicht so richtig wollen oder aber nicht gelernt haben, mit Wohnungseigentum pfleglich umzugehen.

"Für die Zukunft sollte unbedingt eine Redefinition der Ausbildungsplatznachfrage vorgenommen werden, ....  Dabei ist die Tatsache, dass die traditionell gemessene Ausbildungsplatznachfrage als Variable für vertiefende wissenschaftliche Analysen des Lehrstellenmarktes praktisch unbrauchbar ist, nur eines der Argumente. Dramatischer erscheint, dass bei Verwendung dieser Größe Missverständnisse in den Medien und in der Öffentlichkeit vorprogrammiert sind. (...) Auch Äußerungen wie „Jeder Jugendliche, der kann und will, erhält ein Lehrstellenangebot“ sind im Zusammenhang mit einer unzureichenden statistischen Erfassung der Ausbildungsplatznachfrage zu sehen. Jugendliche, Eltern und Lehrer, die andere Erfahrungen machen, werden darauf eher mit einem Gefühl der Entfremdung als des Verständnisses reagieren. Denn sie zählen zu den erfolglosen Nachfragern keinesfalls nur die Restgruppe der „noch nicht vermittelten Bewerber“. Die Folge ist dann aber, dass sie die oben genannte Äußerung, die auf die intensive Nachbetreuung der noch nicht vermittelten Jugendlichen fokussiert, beinahe zwangsläufig missverstehen müssen: Denn sie erhält nun für den großen Kreis der latenten Nachfrager den Beiklang: „Entweder wolltet Ihr nicht, oder Ihr konntet nicht.“ Angesichts der intensiven Bewerbungsbemühungen und auch oft sehr guten schulischen Voraussetzungen dieser Jugendlichen wirkt dieser Beiklang natürlich eher schmerzlich." (Seite 32 ff)

Quelle: Der Ausbildungsmarkt und seine Einflussfaktoren
Ergebnisse des Experten-Workshops vom 1. und 2. Juli 2004 in Bonn.
Schriftenreihe des BIBB
www.bibb.de
ISBN 3-88555-759-2
Auszug aus einer Studie des BIBB 2005 von Joachim Gerd Ulrich PDF 349 KB





Aktuelles
.
Vernetzung
Analysen
Entwicklung
.
Links
Gefördert von



Seitenanfang

Email | Kontakt | Impressum | Anfahrtsskizze | Glossar

Webmaster